Mein Kind isst nur... (Picky Eating, ARFID oder einfach heikel?)
Eine heikle Phase, problematisches selektives Essen, Ängste, körperliche Ursachen oder gar eine Essstörung? Was hinter dem wählerischen Essverhalten ihrer Kinder steckt, fragen sich viele Eltern. Nicht allen ist klar, dass es oft weniger der Wille als die Fähigkeit zu mehr Experimentierfreude beim Essen ist, die ihrem Kind im Weg steht.
Gesundheitsbewusste Eltern verspüren heutzutage enormen Druck, ihre Kinder „richtig“ ernähren zu müssen. Schränken Kinder ihre Lebensmittelauswahl über mehrere Monate stark ein, führt das zu Frust und Verunsicherung in der Familie. Gemeinsames Essen ist dann kein angenehmes, entspanntes Erlebnis. Kommentare aus dem Umfeld, wie „Dein Kind ist aber zart.“ „Du musst essen, dass du groß und stark wirst!“ oder „Du kannst ja nicht immer nur Nudeln essen!“ befeuern den Essensstress zusätzlich. Kommt all dieser Druck mit an den Esstisch, vergeht meist Eltern und Kindern die Lust am neugierigen Probieren.
Wählerisches Essen ist sehr häufig & zu einem gewissen Grad sogar in der kindlichen Entwicklung vorprogrammiert. Wann „heikles Essen“ unbedenklich ist und wann tatsächlich Grund zur Sorge besteht, ist für Eltern nicht immer leicht einzuschätzen. Eher unbedenklich ist es, wenn insgesamt ausreichend gegessen wird, sich die bevorzugten Lebensmittel phasenweise abwechseln, oder wenn Kinder im Kindergarten Speisen essen, die sie zuhause ablehnen.
Vor allem, wenn sich die eingeschränkte Ernährung negativ auf die körperliche Entwicklung oder die soziale Teilhabe auswirkt, bedarf es medizinischer Abklärung und lösungsorientierter Beratung durch qualifizierte Therapeut*innen.
Hier ist der Rat „Dein Kind wird schon essen, wenn es hungrig ist“ fehl am Platz.
Bei Therapeut*innen mit dem Schwerpunkt auf Ess-Probleme bekommen Eltern Information zu Nährstoffzufuhr, Umgang mit körperlichen Faktoren und Empfehlungen für Möglichkeiten, den Ess-Alltag entspannter zu gestalten.
In allen Fällen von selektivem Essverhalten gilt der Grundsatz der geteilten Verantwortlichkeit.
- Erwachsene schaffen das Angebot und die Struktur der Mahlzeiten.
- Das Kind entscheidet ob, was & wie viel es davon isst.
Mahlzeiten sollen zu aller erst wieder zu einem schönen, verbindenden Erlebnis werden – dabei wird das Essverhalten des Kindes nicht kommentiert, sondern über angenehme Themen gesprochen.
Ratsam ist, möglichst oft gemeinsam zu essen und Speisen mit getrennten Komponenten anzubieten. Essen erst am Tisch auf die Teller zu geben gibt dem Kind Mitspracherecht, außerdem ist es wertvoll, wenn das Kind immer wieder sieht und riecht, was die anderen Familienmitglieder essen.
Du fragst dich, wie du mit deinem Kleinkind, Kind oder Teenager sensibel und lösungsorientiert an die *Mission Lebensmittelvielfalt erweitern* herangehst?
Essen erleben ist auf unterschiedlichen Ebenen möglich. In meiner Praxis oder über den Bildschirm leite ich Eltern, Kinder und Jugendliche bei Übungen an.
Einkäufe, das Einräumen in der Küche und Bilderbücher ansehen sind tolle Gelegenheiten für Kinder, Lebensmittel näher kennenzulernen. Außerhalb der Mahlzeiten und ganz ohne die Erwartung, etwas essen zu müssen, können Kinder viel entspannter neugierig auf eine bunte Lebensmittelvielfalt werden.
Essen ohne Druck zu erleben kann erforschend, spielerisch und auch in Alltagssituationen geübt werden - wir beginnen dort, wo dein Kind gerade steht 🫶🏼