Hauptsache geliebt
In der Mamahilfe-Ausbildung begegnen uns Geschichten –
bunt, unterschiedlich, bewegend.
Einige erkennen sich in den Erzählungen der anderen wieder.
Finden Trost.
"Ja, genau so war es auch bei mir“
Vielleicht damit ein kleines Stück Heilung.
Und andere Geschichten berühren deshalb tief,
weil man sich nicht darin wieder erkennt.
Diese Geschichten erzählen das,
was sonst viel zu oft ungesagt bleibt.
Wenn diese Frauen erzählen, passiert etwas.
Plötzlich sitzt der Kloß im Hals.
Die Tränen steigen.
Tränen, die oft viel zu lange nicht geflossen sind.
Weil der Schmerz einfach zu groß war. Weggedrückt.
Tränen brauchen Raum.
Tränen brauchen Sicherheit.
Es sind Geschichten von dramatischen Geburten.
Von Babys, die als Notfälle in andere Krankenhäuser gebracht werden.
Von Wochenbetten, in denen Mamas ihre Kinder nur auf Bildern oder Videos sehen.
Weil sie weit weg auf anderen Stationen liegen.
Von Müttern, deren Kinder schwere Diagnosen bekommen.
Die nicht das gesunde Kind in den Armen halten können, das sie sich erträumt hatten.
Von Eltern, die Wochen nach der Geburt erfahren, dass ihr Kind eine unheilbare Krankheit hat.
Und deren Alltag fortan aus endlosen Klinikbesuchen besteht.
Kinder liegen dann in den Händen von Ärztinnen und Pflegern.
Nicht in den eigenen.
Sie hängen an Schläuchen. An Monitoren.
Und kaum im Leben angekommen: Angst, das Kind wieder zu verlieren.
Diese Geschichten berühren tief.
Solche Erfahrungen sind traumatisch.
Noch heute begleite ich manchmal meinen Sohn, inzwischen fast 30, zu Kontrollterminen in die Klinik, in der wir gefühlt seine halbe Kindheit verbracht haben.
Wenn ich im Innenhof auf ihn warte, sehe ich die jungen Mamas dort.
Sofort bin ich wieder zurück in meiner eigenen Zeit als junge Mama.
Ich kann ahnen, was sein fühlen. Wie sie ihren Schmerz zum Schutz deckeln.
Wie sie einfach versuchen zu funktionieren.
Entrückt. Im leeren Raum.
Nicht wirklich bei sich.
Im Ausnahmezustand funktionieren.
Manchmal möchte ich ihnen sagen, dass dieser Marathon vielleicht weitergehen wird.
Dass sie nicht in Krabbelgruppen sitzen werden,
sondern in Therapieräumen, Wartezimmern, Krankenhausfluren.
Dass sie vielleicht nicht nur die ersten Jahre kaum eine Nacht durchschlafen werden.
Sondern vielleicht Jahrzehnte.
Immer da. Immer wachen.
Während andere Mamas da schon längst wieder mehr Freiräume genießen.
Dass ihr Mamasein so ganz anders verlaufen kann, wie geplant.
Dass sie sich wahrscheinlich oft einsam fühlen werden.
Gespräche und Themen anderer Mütter gesunder Kinder oft fremd bleiben.
„Läuft dein Kind schon? Spricht es schon?“
Wenn das eigene Kind vielleicht nie einen Schritt gehen oder ein Wort sprechen wird, klingt das so schräg wie eine fremde Sprache.
Dass ein Alltag auf sie wartet, der so viel Kraft nimmt –
und gleichzeitig jeden kleinen Moment kostbar macht.
Wertvoll.
Prioritäten verschiebt.
Werte verändert.
Wachsen lässt.
Wichtiges von Unwichtigem trennt.
Aber das sage ich ihnen natürlich nicht.
Was ich mache:
Ich öffne mein Herz, fühle Mitgefühl für meine eigene Geschichte – für mich selbst.
Sorge gut für mich.
Ich lächle ihnen zu
und schicke ihnen in Gedanken von Herzen alles Gute für ihren Weg.
Es geht nicht um „hauptsache gesund.“
Es geht um hauptsache geliebt.