Gefühle spüren, zulassen und annehmen
Ein Beitrag von Sarah

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Gefühle spüren, zulassen und annehmen

Warum können wir die Gefühle unserer Kinder nur schwer aushalten und zulassen? 


Viele Eltern sind mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, dass (inbesondere als negativ bezeichnete) Gefühle etwas schlechtes sind. Wut und Frust wurden schnell als Bockigkeit und fehlende Kooperationsbereitschaft abgestempelt. Von Traurigkeit wurde abgelenkt und Schmerz weggelächelt.

"Jungs kennen keinen Schmerz!" oder "Jungs weinen nicht!" waren in vielen Familien genauso häufig genutzte Sätze wie "Mädchen müssen brav sein!" oder "Mädchen dürfen nicht toben!". Aber auch geschlechterunspezifische Sätze wie "Ist doch nicht so schlimm!" oder "Stell dich nicht so an!" haben Gefühle klein geredet und betroffene Kinder haben so nur gelernt, dass ihre Gefühle unerwünscht sind. Auch positive Emotionen sind mit kurzen Sätzen schnell einmal negativ behaftet: "Sei doch nicht so laut!" bei überschwänglicher Freude oder "Bedank dich, sonst gibst du das Geschenk zurück!" wenn die Dankbarkeit nicht verbal zum Ausdruck kam.

Und auch die vorige Generation wurde häufig in ihren Gefühlen nicht ernst genommen, sodass die nachfolgende Generation nur schwer bis gar nicht am Vorbild lernen konnte.

Doch warum fällt es vielen Eltern (und Großeltern, Tanten, Onkel, etc.) heute so schwer, die Gefühle der Kinder auszuhalten oder gar anzunehmen und zuzulassen? Sie als etwas gutes zu sehen? Weil viele noch tief in ihrem Inneren ein kleines, ungeheiltes Kind sitzen haben, dass gelernt hat, dass Gefühle etwas schlechtes sind und am besten tief vergraben werden sollten. Für dieses innere Kind ist es immens wichtig, auch im Erwachsenenalter noch zu lernen, dass Gefühle etwas unglaublich wichtiges und wertvolles sind. Denn nur so können Eltern auch ihren Kindern ein Vorbild sein!

Wie kannst du nun deinem Kind helfen, genau das zu lernen? Hier drei Tipps, wie du deinem Kind von anfang an zeigen kannst, dass Gefühle IMMER richtig und wichtig sind:

1. Sei ein Vorbild!

Du bist das wichtigste "Lernmedium" für dein Kind. Kinder lernen nicht in erster Linie aus Büchern sondern sie betrachten ihre Umwelt mit all ihren Einflüssen. Eltern, die authentisch sind und ihre eigenen Gefühle annehmen und offen zeigen können, sind das Vorbild, das Kinder brauchen um selbst Gefühle spüren und äußern zu können. Umso wichtiger ist es, dass du selbst mit deinem inneren Kind arbeitest, wenn du merkst, dass du nicht so authentisch sein kannst, wie es dein Kind braucht. Entferne dich langsam von dem Gedanken, perfekt sein zu müssen. Du darfst traurig sein und weinen! Du darfst wütend und empört sein! Du darfst glücklich, fröhlich und laut sein! Du darfst lachen! All das macht dich zu einem Menschen. NIEMAND darf über dich urteilen, weil du Gefühle hast und zeigst. Und NIEMAND darf dir das Gefühl geben, zu viel oder zu laut zu sein! Du bist gut so wie du bist mit ALL deinen Gefühlen. Fühl sie, nimm sie an und zeig sie. Denn so sieht dein Kind, wie wundervoll und heilsam ehrliches Weinen, tobende Wut und fröhliches Lachen sein können. Und so wird dein Kind selbst zu einem Menschen, der Gefühle offen zeigen und annehmen kann.

2. Es gibt keine negativen Gefühle!

Wie häufig spürt man, dass negative Gefühle nicht erwünscht sind. Aber was sind negative Gefühle? Im Normalfall werden damit Gefühle in Verbindung gebracht, die mit negativem Verhalten assoziiert werden- Wut, Frust, Trauer, Verzweiflung, Angst, Schmerz. Diese Gefühle sollen möglichst vermieden werden. Aber warum? Weil es auf diese Welt so viele verletzte innere Kinder gibt, die mit diesen Gefühlen nicht umgehen können. Eltern versuchen ihre Kinder von solchen Gefühlen abzulenken um sie schnellstmöglich zu vertreiben. Aber, und das möchtest du jetzt vielleicht nicht hören: Diese Gefühle gehören dazu! Diese Gefühle haben ihre Berechtigung! Und diese Gefühle sind NICHT negativ. 

Wenn wir fühlen hat das immer einen Grund. Wir wollen damit ein Bedürfnis zum Ausdruck bringen. Warum werden wir traurig? Warum wütend? Warum empfinden wir Frust? Oder Angst? Hinter all dem steckt ein ganz simples und doch so wichtiges Werkzeug: (angestaute) Gefühle herauszulassen. Sie sind ein Ventil für das, was sich in unserem Inneren abspielt. Das heißt, diese Gefühle sind unglaublich wichtig und wertvoll. 

Ein Beispiel: Du hast heute Morgen festgestellt, das dein Lieblingspulli ein Loch hat. Anschließend hast du deinen Kaffee umgeschüttet und musstest somit ohne diesen aus dem Haus. Auf dem Weg stehst du im Stau, sodass du zu spät zum Kindergarten und somit auch zu spät zur Arbeit kamst. Bei der Arbeit wollte der Kollege unbedingt noch heute ein Projekt beenden, für das du eigentlich noch zwei Tage Zeit gehabt hättest. Du hast dein Mittagessen zu Hause vergessen. Auf dem Heimweg fängt es an zu regnen. Dein Kind ist beim Abholen überreizt und tobt wild, weil es unbedingt auf dem Heimweg ein Eis möchte. 
Bis hierhin hast du all deinen sich langsam aufstauenden Frust und deinen ganzen Ärger heruntergeschluckt und gesammelt, anstatt ihn herauszulassen. Als dein Kind dann beim Heimkommen die Schuhe nicht auszieht und den Matsch in den Flur trägt explodiert all das in dir und du schreist dein Kind an und lässt all deine angestauten Gefühle an ihm heraus. Dein Kind versteht die Welt nicht mehr und du bist über dich selbst erschrocken...
Was wäre gewesen, wenn du all deine Gefühle angenommen und gezeigt hättest? Was wäre gewesen, wenn du es dir eingeräumt hättest, über den kaputten Pulli, den verschütteten Kaffee und den übermotivierten Kollegen (innerlich) zu fluchen oder sogar deutlich auszusprechen, was diese Situation mit dir macht? "Ach man, ich wollte den Pulli doch so gerne heute tragen!". "Mist, die Nacht war so kurz, dass ich dringend einen Kaffee gebraucht hätte um wach zu werden!". "Lieber Kollege, das Projekt hat noch zwei Tage Zeit und ich habe noch so viel zu tun, dass ich diese Zeit gerne nutzen möchte, um nicht unnötig in Stress zu geraten!". Kleine Sätze, die dich und deine Bedürfnisse ernst nehmen und letztendlich zu einem Ergebnis führen: Du bist dir selbst wichtig genug, deine Gefühle anzunehmen und deine Bedürfnisse auszusprechen UND du hast am Nachmittag eher noch die Kapazitäten, dein Kind authentisch und mit Ruhe zu begleiten.

Sind deine Gefühle nun negativ gewesen? Nein. Denn all sein Frust und Ärger waren da, weil sie dir deine Bedürfnisse aufzeigen wollten. Kein Gefühl ist negativ, denn jedes Gefühl hat eine Aufgabe.

Mein Medientipp: "Alles steht Kopf" und "Alles steht Kopf 2" sind zwei wunderbare Filme, die aufzeigen, warum JEDES Gefühl wichtig und richtig ist.

3. (Intensive) Gefühle brauchen Begleitung!

Du hast deinem Kind beim Frühstück den roten statt den grünen Teller gegeben. Dein Kind wird wütend, wirft den Teller zu Boden, schreit und tobt. Dein erster Impuls? Die Gefühle deines Kindes so schnell wie möglich beruhigen oder dein Kind aus dem Raum/ ins Zimmer schicken "bis es sich beruhigt hat"?

Die Gefühle unserer Kinder provozieren häufig binnen von Sekunden unsere eigenen (unerledigten) inneren Konflikte. Doch wenn du dein Kind in diesem Moment weg schickst wird es nur eines lernen: Seine Gefühle sind falsch und es wird nur akzeptiert, wenn es "lieb" ist. Das Problem gerade bei Wutanfällen ist, dass dein Kind in diesem Moment gar nicht in der Lage ist, logisch zu denken. Seine Instinkte übernehmen all sein Handeln und es kann dir weder zuhören noch verstehen, warum es die Sicherheit in deiner Nähe nun verlassen muss.

Aber wie kannst du dein Kind nun adäquat begleiten? Besonders dann, wenn du selbst merkst, wie du wütend wirst? Anstatt dein Kind weg zu schicken kannst du selbst versuchen, aus der Situation zu kommen. Atme tief durch, mach dir deine eigenen Gefühle bewusst und - wenn das nichts hilft - verlasse selbst kurz den Raum (unter der Voraussetzung, dass dein Kind sich und andere nicht gefährdet). Wenn du selbst (wieder) ruhig bist, kannst du dein Kind begleiten. Es wird dir vielleicht nicht zuhören und auch keine Berührung wollen. Biete es trotzdem an. Sag deinem Kind, dass du da bist. Das du zuhörst. Das du es in den Arm nimmst, wenn es das möchte. Sei da, setz dich in die Nähe und lasse die Gefühle deines Kindes einfach zu. Dein Kind DARF wütend sein. Dein Kind DARF frustriert sein. Greif nur dann ein, wenn dein Kind sich oder andere verletzen könnte oder Gegenstände zu Bruch gehen könnten. Dann versuche seine Kraft umzulenken, z.B. in ein Kissen, in das es schlagen oder schreien kann. 

Und wenn du den Wutausbruch einmal nicht bindungsorientiert begleiten kannst: Sei trotzdem gut zu dir! Du bist deshalb kein schlechteres Elternteil und auch keine Maschine, die immer funktionieren muss. Wenn du doch einmal laut geworden bist und die intensiven Gefühle deines Kindes nicht so begleiten konntest, wie du es dir gewünscht hast: Rede mit deinem Kind darüber, wie es euch ging und sei offen und ehrlich, entschuldige dich und findet wieder zueinander. So wird dein Kind nicht nur lernen, seine Gefühle anzunehmen und zu zeigen sondern auch, sich für seine Fehler zu entschuldigen. Und das nur durch dich als Vorbild.